MacDuff, John R. - Der Bogen in den Wolken - 4ter Tag. - Der Züchtigung Ursache

Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken.

Welchen der Herr lieb hat, den züchtigt Er.
Ebr. 12, 6.

Wie! Gott sollte mich lieben, wenn Er seine Pfeile auf mich abschießt? Lieben, indem Er mir ein Gut nach dem andern hinwegnimmt? Sollte es wirklich Liebe sein, wenn Er die Sonne meiner Erdenfreuden in Dunkel hüllt? Ja, und dennoch ist's Liebe, armer, betrübter Pilger! Liebe - du, vom Sturme Verschlagener! Er züchtigt dich, weit Er dich lieb hat. Seine weiche Liebeshand, sein unwandelbar treues Herz hat diese Trübsal über dich gebracht. Liegst du auf dem Siechbette, sind schmerzvolle Monde und schlaflose Nächte für dich angebrochen? nun, dann lege dein müdes Haupt auf das Kissen und sprich: also geschieht es, weil Er mich lieb hat!

Haben Verluste, dein Herz vereinsamt und dein Haus leer gemacht? So wisse: Er hat die Todeskammer zurecht gemacht, Er hat das Grab aufgetan, weil Er dich lieb hat! Leidet eins deiner lieben Kindlein und nimmt die wärmste Teilnahme und die zärtlichste Sorge der Mutter in Anspruch, siehe, so ist in demselben Augenblick auch die innigste Liebe und Sorge des Vaters im Himmel, der dich züchtigt, zur Hand. Mit Liebe trug Er dich in diesen Schmerz hinein und mit Liebe trägt Er dich durch ihn hindurch. Nirgends ist Willkür, nirgends Laune in Dem, was Er uns zuschickt. Liebe ist die Ursache von Allem, was Er tut, und kein Tröpflein Zorn in dem Kelch, den Er dir darreicht. „Ich glaube“ sagte einst eine fromme Frau „Er hat die Trübsal ebenso wohl für uns erkauft, wie alles Andere. Gelobt sei sein Name, dass Er uns heimsucht mit Schlägen, die Er uns zugedacht hat nach seinem Bunde!“ Was sagte Er selbst, der da würdig ist zu nehmen Ehre und Anbetung? Nicht als Er noch auf Erden, nicht als Er noch ein Pilger war in dieser Welt der Tränen - nein, vom Himmels-Throne seiner Herrlichkeit spricht Er: „Welche ich lieb habe, die strafe and züchtige ich.“1)

Freue dich, mein Christ, dass sich die Rute, die Zuchtrute in der Hand deines Heilandes befindet, der da lebt und dich liebt und sich in den Tod für dich dahingegeben hat. Trübsal heißt die Königsstraße, und dennoch ist diese Straße mit Liebe gepflastert. Wie du weißt, dass es gewisse Kräuter gibt, die man zerdrücken muss, ehe sie ihren süßen Duft von sich geben, so erkennt dein Gott, dass wahre Liebe erst dann aus dir hervorduftet, wenn Er dich vorher zerstoßen hat. Und wie es von etlichen Vögeln heißt, dass sie die lieblichsten Töne von sich geben, wenn ihre Brust durchstochen - so schlägt der Herr dir Wunden, damit du zum Fluge aufgetrieben werdest und im Emporsteigen singen mögest: mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit!2)

„Die, welche Er am meisten heimsucht, will Er am meisten herrlich machen“ sagte einst ein frommer Mann; und ein anderer: „Immer scheint Er in seinem Worte zu gedenken unsrer Mühsale; vielleicht ist wohl die Hälfte seiner Gebote und die Hälfte seiner Verheißungen, welche Er uns darin gibt, auf leidende Menschen berechnet.“

Möchtest du darum immer zu Ihm sprechen: „Herr, ich will dich lieben, nicht trotz deiner Rute, sondern wegen deiner Rute! Ich will mich ganz in deine Arme werfen, die mich züchtigen! Wenn deine Stimme mir, wie einst Abraham, zuruft, dass ich mich auf eine bittere Prüfung gefasst machen soll, so gib Gnade, dass auch ich mit willigem Herzen antworten könne: Hier bin ich! und dann auch in dem Bogen, der meine dunkelste Wolke umspannt, lesen möge: Er züchtigt mich, weil Er mich lieb hat!

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erbe führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.

1)
Offenb. Joh. 3, 19.
2)
Ps. 57, 8.